Echte Partizipation findet im Alltag statt

Jugendliche bei der Gestaltung des Jugendtreffs


Die Partizipation ist neben Offenheit und Freiwilligkeit eine der drei Säulen der Offenen Jugendarbeit. Warum?

Weil die durch die Schweiz ratifizierte internationale UN-Kinderrechtskonvention vorgibt, dass Kinder und Jugendliche nicht nur geschützt und gefördert, sondern auch zur Partizipation zugelassen werden müssen.

Und das hat gute Gründe sowohl für das Individuum als auch für die Demokratie.

Eine Demokratie funktioniert umso besser, je mehr Individuen die Möglichkeit zu partizipieren wahrnehmen. In der Schweiz liegt die derzeitige Stimmbeteiligung gemäss dem Bundesamt für Statistik durchschnittlich bei rund 57 Prozent [i]. Als Aktivmitglied von Vereinen, Gesellschaften, Clubs und Parteien engagieren sich bloss 44 Prozent [ii].

Das bedeutet, dass fast die Hälfte aller Stimmberechtigten nicht einmal die minimalste Möglichkeit nutzt, Einfluss auf das politische Geschehen zu nehmen. Sie gestalten die Schweiz nicht mit und sind somit reine Konsumenten eines Systems, das auf Beteiligung explizit ausgerichtet und angewiesen ist.

Wessen Beitrag zu einem funktionierenden Staat einzig aus Steuergeldern besteht, läuft Gefahr, den Staat früher oder später als Dienstleister wahrzunehmen und vielleicht auch zur Haltung zu gelangen: «Als bezahlende:r Kund:in bin ich König:in und der Staat hat mir zu dienen.» Die stets unzufriedenen Nörgler:innen sind geboren, die sich unter bestimmten Bedingungen als Opfer wahrnehmen und staatsfeindliche Gesinnungen entwickeln werden.

Die Ursache für mangelnde Beteiligung am politischen Geschehen liegt nicht immer in fehlender politischer Bildung und Partizipation von Kindesbeinen an. Aber auch. Dass es hier in den letzten Jahrzehnten zu einer ungünstigen Entwicklung gekommen ist, offenbaren die wenigen existierenden Zahlen. 2022 veröffentlichte die Fachstelle für Statistik des Kantons St. Gallen Informationen zur Stimmbeteiligung verschiedener Altersgruppen. Selbst bei einer Abstimmung, die junge Menschen direkt betraf, beteiligten sich die 18- bis 24-Jährigen im Vergleich zu den 70- bis 74-Jährigen nur halb so stark. [iii]

Partizipation schon in der Kindheit

Es gilt deshalb, Kindheit in einer Gesellschaft nicht nur zu gestalten, sondern auch gestalten zu lassen – nämlich von den Kindern selbst.

«Kinder können langfristige Konsequenzen ihres Tuns nicht abschätzen.»

«Eine solche Verantwortung den Kindern zu übergeben, ist verantwortungslos.»

«Kinder sind überfordert, wenn sie weitreichende Entscheidungen selber treffen müssen.»

Um solche (berechtigten) Einwände, auch seitens Entwicklungspsychologen, vorwegzunehmen: Es geht nicht darum, Kinder ins kalte Wasser zu werfen und sie dort allein zu lassen. Vielmehr geht es darum, Rahmenbedingungen zu schaffen, wo sie Partizipation gefahrlos und entwicklungsgerecht ausprobieren und üben können – und zwar permanent.

Dass Jugendliche genau das gerne tun würden, zeigt eine Studie der ZHAW [iv]. Von den 800 online befragten Jugendlichen gaben über 70 Prozent an, sie würden sich gerne stärker politisch engagieren. Aus der Einschätzung der Studienteilnehmenden, was eine verstärkte Partizipation fördern würde, leiteten die Studienleiterinnen mögliche Massnahmen ab.

Sie plädieren für einen besseren Zugang zu politischer Bildung, um sozioökonomische Barrieren abzubauen und politisches Interesse zu wecken; für einen niederschwelligen Zugang zu Angeboten, da die konventionellen Angebote oft zu weit von den jugendlichen Lebenswelten entfernt seien; für echte Partizipationsmöglichkeiten, die nicht auf Legitimationsgründen beruhen, sowie für den Ausbau demokratischer Mitbestimmungsmöglichkeiten.

Wir sind der Meinung, dass genau diese Massnahmen durch die Prinzipien der Offenen Jugendarbeit gedeckt und in der Praxis umgesetzt werden – wenn auch auf viel zu kleinem Raum.

Anders als die vielbeachteten Partizipationsprojekte, in denen die eigentliche, langfristige, selbstinitiierte Partizipation dem Hauptziel, nämlich der politischen Bildung, untergeordnet sind, bietet die Offene Jugendarbeit ein fortwährendes Übungsfeld, dass jederzeit von sämtlichen Jugendlichen – unabhängig von ihrer politischen Vorbildung, ihrer Staatsbürgerschaft und ihrem Alter – genutzt werden kann. Hier geht es nicht darum, dass Jugendliche ihre Meinung zu gesetzten raumplanerischen oder sozialpolitischen Themen äussern sollen, sondern im Gegenteil darum, dass sie ihre eigenen Themen bearbeiten, innerhalb derer sie partizipieren können und auch wollen.

Partizipation beruht auf Freiwilligkeit

Es sind unspektakuläre, aber umso wirkungsvollere Prozesse, die in den Jugendhäusern täglich ablaufen. Die Partizipationsprozesse sind nicht vorgegeben, die Abläufe nicht festgelegt, die möglichen Ziele nicht vorsondiert. Es sind die Jugendlichen selbst, die überhaupt den Wunsch äussern zu partizipieren und es dann auch tun.

Das ist deshalb möglich, weil die Offene Jugendarbeit möglichst wenig programmatisch arbeitet sowie keine vorgestalteten Räume anbietet. In diesem freien Raum finden jugendliche Partizipationswünsche überhaupt erst Platz. Deren Entstehen kann allerdings nicht erzwungen werden. Partizipation, die nicht freiwillig stattfindet, wird vermutlich nicht anhalten. 

Ein Beispiel: In einem unserer Jugendhäuser äusserte eine Gruppe Mädchen den Wunsch, einen Film zu drehen. Träumten die Mädchen anfangs noch vom grossen Kinoerfolg, waren sie am Ende glücklich mit einer Fotostory, die sie keinem Publikum zur Verfügung stellten. Im Rahmen eines herkömmlichen Partizipationsprojekts müsste eine solche Entwicklung wohl als Scheitern gewertet werden. In der Offenen Jugendarbeit ist gerade dieses Scheitern Teil des Entwicklungsprozesses hin zu echter Partizipationsfähigkeit.

Betreuung als Erfolgsfaktor

Begleitet wurde dieses von den Jugendlichen initiierte Projekt von einem Erwachsenen, der mit den Jugendlichen bereits ein Vertrauensverhältnis aufgebaut hatte. Das ermöglichte ihnen, auf ihr Ziel hinzuarbeiten, ohne daran gemessen zu werden, ob sie es erreichen würden. Die Rolle des Erwachsenen ist in diesem Fall: eigene Meinungen, Ideen und Helferimpulse zurückzunehmen und stattdessen ein kritisches Gegenüber sein, das die Jugendlichen bei sämtlichen Konsequenzen ihrer Handlungen rund um ein geplantes Projekt ernsthaft begleitet.

Wie eine solche Begleitung konkret aussieht, illustriert das Beispiel einer Gruppe Jugendlicher, die über einen eigenen Raum ausserhalb des Jugendhauses verfügen wollten, der auch ausserhalb Angebotszeiten der Jugendarbeit zugänglich wäre. Die zuständige Jugendarbeiterin regte mit Fragen zum Weiterdenken und -kommen an: «Wer kennt Leute, die die Suche unterstützen könnten?», «Wer richtet den Raum ein?», «Wie wird das Projekt finanziert?», «Wer wird Zugang zu diesem Raum haben?», «Wer trägt die Verantwortung dafür, dass er intakt und sauber bleibt?»

Manchmal führt das Durchspielen des Prozesses dazu, dass sich das Thema erledigt – etwa, weil das Nachdenken die Jugendlichen zu ihrem eigentlichen Bedürfnis führt, dessen Befriedigung auch einfacher herbeigeführt werden kann. In diesem Fall schafften es die Jugendlichen, einen Wohnwagen auszuleihen, den sie eine Weile lang intensiv und gerne nutzten. So engagiert Erwachsene diesen Prozess auch begleiten, indem sie zuhören, ermutigen und bei der Umsetzung unterstützen, sie übernehmen keinen einzigen Arbeitsschritt und werten das Projekt nicht hinsichtlich der anfänglichen Zielsetzungen der Jugendlichen aus.

Wenn Jugendliche die Erfahrung machen, dass sie ernst genommen werden, wenn ihnen also nicht gesagt wird, was sie angeblich brauchen, sondern ihre eigenen Impulse aufgenommen werden, beginnen sie, sich mit ihrer Umgebung zu beschäftigen, darüber nachzudenken, wie sie sie gerne hätten, sie beginnen Meinungen zu äussern und andere zu respektieren, sich auf Verhandlungen einzulassen und sich für eine Sache einzusetzen.

Solche selbstinitiierten Projekte sind die idealen Übungsfelder für alles, was für eine aktive Beteiligung in Vereinen, Verbänden, Parteien, Behörden oder als aktive:r Stimmbürger:in nötig ist, und sie ermutigen, sich an der Entwicklung der Gesellschaft aktiv zu beteiligen.


[i] Bundesamt für Statistik (2023, 19. Januar) Stimmbeteiligung. 

[ii] Bundesamt für Statistik (2023, 19. Januar) Mitgliedschaft in einem Verein oder einer Gruppe. 

[iii] Fachstelle für Statistik Kanton St. Gallen (2023, 19. Januar) Stimmbeteiligung nach Alter

[iv] Jasmin Gisiger, Susanne Nef, Peter Streckeisen, Anna Suppa (2023, 19. Januar) Politische Partizipation: Was motiviert Jugendliche

Mit Jugendarbeit gegen Waffendelikte