Viele Jugendliche halten Klauen für ein Kavaliersdelikt. Entwickelt das Phänomen in einer Gemeinde eine Dynamik, kann der Schaden für die betroffenen Läden jedoch schnell hoch werden. Ein Psychotherapeut ordnet ein und erklärt, wie dem Problem begegnet werden kann.
Ladendiebstähle gelten als jugendtypische Straftaten. Die Kriminalstatistik des Kantons Zürich bestätigt das: Seit Jahren werden mit Abstand die meisten Minderjährigen für Delikte gegen das Vermögen beschuldigt; im Jahr 2023 waren es 1700 Kinder oder Jugendliche.
Die Dunkelziffer ist hoch, und selbst wenn Kinder und Jugendliche beim Ladendiebstahl ertappt werden, ist das Problem für die Geschädigten nicht gelöst. Deshalb greifen Läden, in denen viel gestohlen wird, zu Massnahmen, die zwar den Schaden minimieren, die Dynamik unter den Jugendlichen der betroffenen Gemeinde jedoch nicht stoppen. In der Offenen Jugendarbeit sind wir vor allem daran interessiert, die Hintergründe von jugendlichem Verhalten zu verstehen und Jugendliche so zu begleiten, dass sie sich gesund entwickeln können.
Wir haben deshalb Lothar Janssen, Psychotherapeut und Schulberater, um eine Einordnung gebeten. Er begegnet dem Phänomen in seinem Berufsalltag oft, weiss, was dahintersteckt und unter welchen Umständen welche Massnahmen besser und anhaltender wirken als andere.
Herr Janssen, warum ist das Stehlen in Läden unter Jugendlichen so verbreitet?
Geldknappheit, Langeweile, Gruppendruck – die Gründe sind vielfältig. Manchmal steckt ein versteckter Initiationsritus dahinter, manchmal ist es einfach pubertäre Gedankenlosigkeit. Gerade bei angepassten Jugendlichen können solche Taten auch Ausdruck eines stillen Protests sein. Eine Gemeinsamkeit jedoch haben die meisten jugendlichen Ladendiebe: Sie stufen ihr Vergehen nicht als schlimm ein. Als Rechtfertigung habe ich oft gehört, der Laden habe ja genug Geld oder bekäme das Geld von der Versicherung zurück.
Was stehlen die Jugendlichen denn?
Alles, was sie zum täglichen Leben brauchen: Snacks, Getränke, Alkohol, Kosmetika, Kleider.
Welche Jugendlichen sind am ehesten gefährdet, sich strafbar zu machen?
Hobbylose Jugendliche, deren einzige Freizeitaktivität das Handy ist. Natürlich gibt es auch Jugendliche, deren Diebstähle einen pathologischen Hintergrund haben – das muss man von jugendlichem Leichtsinn unterscheiden. Kleptomanie ist eine psychische Störung, die psychotherapeutisch behandelt werden muss.
Läden reagieren etwa, indem sie häufig entwendete Produkte in Vitrinen einschliessen oder auch, indem sie Jugendlichen nur noch einzeln Einlass gewähren. Was ist der Effekt solcher Massnahmen?
Sie zeugen von einer gewissen Hilflosigkeit. Besonders die Idee, Jugendliche nicht mehr in Gruppen eintreten zu lassen, scheint mir kontraproduktiv. Einerseits verlieren die Läden damit auch die Gunst jener Jugendlichen, die sich korrekt verhalten; niemand wird gern unter Generalverdacht gestellt. Andererseits können Jugendliche, die den Nervenkitzel suchen, erst recht angestachelt werden. Wer es schafft, auch unter erschwerten Bedingungen zu klauen, wird zu einem sogenannten negativen Helden.
Was meinen Sie damit?
Wer besonders viel und geschickt stiehlt und die Beute allenfalls sogar mit anderen teilt oder sie zu Freundschaftspreisen verkauft, steigert sein Ansehen in der Peergroup. Das ist genau, was wir immer zu verhindern versuchen. Aktionen, die dazu führen, dass jemand noch mehr Gelegenheit bekommt, sich zu beweisen, erschweren das. Aber es ist natürlich auch die Frage, wie ein solches Hinweisschild geschrieben ist. Der Ton macht die Musik.
Wie müsste es formuliert sein?
Eine persönliche, empathische Botschaft funktioniert sicher besser, als eine trockene oder anklagende. Man kann etwa die eigene Betroffenheit verständlich machen, Bedauern darüber ausdrücken, dass auch die Unschuldigen von der Massnahme betroffen sind, um Verständnis bitten und vielleicht zur Mithilfe auffordern. Man kann die Jugendlichen etwa darum bitten, mit stehlenden Kolleginnen und Kollegen zu sprechen.
Gäbe es denn bessere Alternativen zu diesen Massnahmen?
Wenn das Ladenpersonal zum Beispiel merkt, dass immer in der Zehnuhrpause oder nach Schulschluss gestohlen wird, kann es mit der Schulleitung Kontakt aufnehmen. Dann kann das Thema im Unterricht behandelt werden: Wie fühlt sich die Kassiererin, wenn am Abend Geld in der Kasse fehlt? Wie wirkt es sich auf die Versicherungsprämien aus, wenn öfter Schäden angemeldet werden? Wer bezahlt die steigenden Prämien? Woher kommt dieses Geld?
Gibt es weitere Möglichkeiten?
Man kann es auf spielerische Weise lösen. Die Schulleitung steht zum Beispiel ein paar Mal wie zufällig in der Zehnuhrpause im Laden und ist in ein Gespräch mit der Filialleitung vertieft. Sowas fällt Jugendlichen auf, es bringt sie zum Nachdenken, und oft reicht das, um eine Verhaltensänderung zu bewirken. Es ist sehr viel effizienter, den Dialog mit Jugendliche auf eine feine Art zu führen, keine Schuldigen zu überführen und Namen zu nennen, sondern Normen zu verdeutlichen: Wir Erwachsenen stehen geschlossen für diese Werte ein, aber wir sind nicht gegen euch.
Was kann die Offene Jugendarbeit tun?
Im Grunde läuft es auf dasselbe hinaus: Jugendarbeitende können sich vernetzen, das Gespräch suchen – auch unabhängig davon, ob geklaut wird oder nicht. Wenn Jugendliche mitbekommen, dass die Erwachsenen in Kontakt sind und sich regelmässig austauschen, ist das ein starkes Signal.
In einigen unserer Jugendtreffs betreiben die Jugendlichen einen Kiosk. Sie stellen das Sortiment zusammen, kaufen ein, kalkulieren die Preise und machen eine Milchbüchleinrechnung. Kann ein solches Projekt präventiv wirken?
Projekte dieser Art sind eine wunderbare Möglichkeit. Jene, die den Kiosk betreiben, lernen die Zusammenhänge verstehen, spüren, was es bedeutet, wenn Geld in der Kasse oder Waren fehlen. Das sind perfekte Lernfelder. Auch jene, die den Drang spüren zu stehlen, fühlen sich stärker mit dem moralischen Dilemma konfrontiert. Es sind ja dann keine Fremden, denen sie ein Snickers klauen.
Was hilft Jugendlichen, die beim Stehlen erwischt werden?
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es allen Beteiligten hilft, wenn die Jugendlichen bereit sind, um Entschuldigung zu bitten. Ein echter Versuch sich zu entschuldigen, der nicht mit dem Anspruch verbunden ist, dass die Anzeige zurückgezogen wird, führt praktisch immer zu Gesprächen, die über die Entschuldigung hinausgehen. Es entsteht Beziehung. Den Menschen im Gegenüber zu erfahren, ist für beide Seiten erleichternd. Ich begleite Jugendliche manchmal zu solchen Gesprächen, und ich habe noch nie die Erfahrung gemacht, dass jemand darauf negativ reagiert hätte. Diese Art von Begleitung können auch Jugendarbeitende anbieten.
Haben solche Gespräche auch eine Wirkung auf die Art, wie Erwachsene Jugendliche wahrnehmen?
Tatsächlich erinnere ich mich sogar an einen Filialleiter, der ein grosses Herz für Jugendliche hatte, obwohl er beklaut worden war. Er ging sogar so weit, dass er selbst als schwierig geltenden Jugendlichen eine Lehrstelle anbot. Egal, in welchem Zusammenhang und in welcher Zusammensetzung: Jugendlichen ist immer geholfen, wenn Erwachsene miteinander reden, um Lösungen zu finden, die auch die Bedürfnisse und Nöte der Jugendlichen im Blick haben.