Offene Jugendarbeit – eine Verortung (Teil 2)

Jugendliche vor einem Wohnmobil der MOJUGA Stiftung

Unsere Behauptung in einem früheren Blogbeitrag, Offene Jugendarbeit sei kein Teil der Sozialen Arbeit, schlug in der Fachwelt Wellen. Nun eine Präzisierung zu einem Gedankenexperiment.

Dass Offene Jugendarbeit sich nicht in der Sozialen Arbeit verortet, ist falsch. Tatsächlich schreibt der Dachverband Offene Kinder- und Jugendarbeit Schweiz (DOJ) im Grundlagenpapier sogar ausdrücklich, dass die Offene Kinder- und Jugendarbeit ein Teilbereich der Sozialen Arbeit sei und einen sozialpolitischen, pädagogischen und soziokulturellen Auftrag habe (2018)[1].

Wenn wir davon sprechen, dass wir die Offene Jugendarbeit nicht in der Sozialen Arbeit verorten, dann geht es um ein Gedankenexperiment, aus dem wir die Meinung herleiten, eine andere Verortung wäre sinnvoll. Diese Meinung vertreten wir nicht aus einem Wahrheitsanspruch heraus, sondern weil wir uns für die Offene Jugendarbeit möglichst ideale Bedingungen wünschen, damit sie ihr Potenzial ausschöpfen kann. Uns geht es um die Frage: Würden die Jugendlichen etwas gewinnen oder verlieren, wenn dieses Experiment kein gedankliches bliebe?

Warum wir diese Gedanken nicht nur in der Kaffeepause durchspielen, sondern mit der Öffentlichkeit teilen und eine Diskussion darüber anstossen wollen, möchten wir hier erläutern:

Als Anbieterin Offener Jugendarbeit denken wir aus der Praxis heraus. Wenn wir mit Jugendlichen im Jugi über Vapen, Leistungsdruck und Littering, über Körperunsicherheit, Projektideen und Sehnsüchte sprechen, wenn wir sie auf dem Dorfplatz, am Bahnhof, am Waldrand aufsuchen und ihnen immer und immer wieder signalisieren, dass wir für sie da sind, und zwar wirklich für alle, die mit uns in Kontakt treten wollen, dann erfahren wir, was wir ihnen geben können.

Dabei sehen wir, dass wir für unsere Arbeit Menschen brauchen, die bereit sind, sich langfristig auf diese Arbeit einzulassen, weil Beziehungsarbeit gerade von dieser Kontinuität lebt. Wir brauchen gefestigte Persönlichkeiten mit Lebenserfahrung. Wir brauchen Mitarbeitende, die der besonderen Lebensphase Jugend etwas abgewinnen können. Und schliesslich solche, die bereit sind, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen, um jene Offenheit zu ermöglichen, die zu den Grundprinzipien der Offenen Jugendarbeit gehören.

Offene Jugendarbeit missverstanden

Solche Menschen sind auf dem Arbeitsmarkt schwer zu finden. Das liegt unter anderem und unserer Meinung nach daran, dass der Beruf in der Öffentlichkeit missverstanden und unterschätzt wird. Die Offene Jugendarbeit wird ausserhalb der Fachwelt nicht in ihrer Komplexität und ihrem hohen Eigenanspruch verstanden. Unserer Erfahrung nach scheint als allgemeine Meinung vorzuherrschen, dass wir mit Jugendlichen im Jugi töggeln und sie auf der Strasse anquatschen; sie tolerieren uns, bräuchten uns aber eigentlich nicht und wären lieber unter sich.

Seit die MOJUGA Offene Jugendarbeit anbietet, haben wir kaum jemanden erlebt, die oder der diesen Weg bewusst gewählt und darauf hingearbeitet hat. Dass junge Menschen sich entscheiden, Jugendarbeiter*in zu werden wie andere Ärztin, Coiffeur, Gärtnerin oder Jurist, passiert äusserst selten und nur aufgrund eigener Erfahrungen im Jugendtreff. Von unseren Jugendarbeitenden hat im Bewerbungsgespräch niemand erwähnt, der Berufsweg sei von Eltern, Lehrpersonen oder Berufswahlberatenden vorgeschlagen worden. Der Beruf geniesst schlicht kein Ansehen.

Dazu kommt, dass die Arbeit an sich auf viele unattraktiv wirkt: bei jedem Wetter draussen unterwegs sein, an Abenden und Wochenenden arbeiten, sich stundenlang in einer Umgebung aufhalten, die Menschen einer anderen Altersgruppe für ihre eigenen Bedürfnisse gestaltet hat. Es erleben sich zudem viele Jugendarbeitende als Einzelkämpfende, die mit persönlichen Krisen von Jugendlichen, herausfordernden Situationen im Jugialltag sowie Anforderungen seitens der Gemeinde, der Schule und Anwohnenden konfrontiert, allein klarkommen müssen. Das muss man wollen. Viele wollen nicht.

Vor allem aber existiert keine praxisorientierte, spezifisch auf Offene Jugendarbeit zugeschnittene Ausbildung, die ein Statement für die Offene Jugendarbeit als ernstzunehmenden, herausfordernden und wichtigen Beruf setzen würde. Dabei würde eine Ausbildung, die keine Matura voraussetzt und die von Anfang an einen echten Eindruck von der Arbeit in der Praxis vermittelt, vielen Menschen eine Option eröffnen, die sie im Moment für sich gar nicht in Betracht ziehen. Wir sind überzeugt, dass ein Ausbildungsberuf in Berufs- und Laufbahnberatungen eher erwähnt wird als eine Arbeit, von der nirgendwo festgeschrieben steht, welche Voraussetzungen Interessierte mitbringen müssen.

Studium löst das Problem nicht

Man könnte nun denken, dass das Studium der Sozialen Arbeit Fachkräfte generiert und damit die Rekrutierungsprobleme in der Offenen Jugendarbeit entschärft. Unserer Erfahrung nach passiert aber das Gegenteil.

Wenn unser Stiftungsratspräsident mit langjähriger Erfahrung als Jugendarbeiter im Rahmen seiner Tätigkeit als Dozent an der ZHAW die Studierenden fragt, wer sich vorstellen könnte oder sogar das Ziel habe, Jugendarbeiter*in zu werden, lassen sich die erhobenen Hände einer 30-köpfigen Klasse jedes Mal an einer Hand abzählen. Wenn Studierende der Sozialen Arbeit Praktika bei uns absolvieren, wissen sie bereits bei Antritt, dass sie danach in einem anderen Bereich arbeiten wollen. Kurz: Auch im generalistisch aufgebauten Studium der Sozialen Arbeit ist die Offene Jugendarbeit eine Randerscheinung.

In der MOJUGA haben und hatten wir unzählige Mitarbeitende, die ohne Vorkenntnisse eingestiegen sind und sich dank der professionellen Führung und der intensiven internen Ausbildung zu hervorragenden Jugendarbeitenden entwickelten. Die Tatsache, dass potenziell jeder Mensch mit der Bereitschaft, sich wirklich darauf einzulassen, einwandfreie Jugendarbeit machen kann, ist eine Riesenchance für unsere Arbeit – denn diese Mitarbeitenden bleiben uns meist über Jahre hinweg erhalten –, leider aber auch ein Faktor, der zur Unterschätzung dieser Arbeit führt.

Quereingestiegene, gestandene und hochgeschätzte Mitarbeitende fühlen sich neben den Studierenden, die über hervorragendes theoretisches Hintergrundwissen verfügen, plötzlich minderwertig und werden bei einem Stellenwechsel darin sogar bestätigt, weil sie sich gegen studierte Mitbewerbende trotz ihrer langjährigen Erfahrung nicht durchsetzen zu können. Einige von ihnen beginnen selbst ein Studium und orientieren sich dann beruflich neu.

Es braucht ein eigenes Berufsfeld

Wenn wir also darüber nachdenken, wie wir der Offenen Jugendarbeit einen Stellenwert in der Gesellschaft und in der Fachwelt geben können, der den Anforderungen an zukünftige Jugendarbeitende gerecht wird, suchen wir nach unterschiedlichen Ansätzen. Dazu gehören neben der genannten spezifisch auf die Offene Jugendarbeit zugeschnittenen Ausbildung Entwicklungsmöglichkeiten innerhalb von Organisationsstrukturen und eben auch ein Nachdenken über die Verortung der Offenen Jugendarbeit.

Was ist der Vorteil für die Offene Jugendarbeit in der Praxis, wenn wir sie aus der Sozialen Arbeit hinausdenken?

Wir haben diese Frage in „Offene Jugendarbeit – eine Verortung (Teil 1)“ bereits beantwortet. Die Offene Jugendarbeit wird eher in ihrer Einzigartigkeit, wahrgenommen – als Angebot für alle Jugendlichen, unabhängig davon, ob sie Probleme haben oder machen. Dadurch erhoffen wir, dass die Gemeinden Ressourcen zur Verfügung stellen, die nicht nur zur Behebung der Probleme reichen, sondern auch für alles andere, das wir als Auftrag der Offenen Jugendarbeit betrachten, nämlich ausserschulische Begleitung durch qualifizierte Erwachsene in einem nichtprogrammatischen Angebot und ohne Ansprüche, ein bestimmtes Ziel zu erreichen, eine Arbeit mit dem, was gerade ist und nicht mit dem, was irgendwann sein sollte.

Der Wert dieser Begleitung besteht darin, dafür zu sorgen, dass es Jugendlichen jetzt möglichst gutgeht. Nicht darauf hinzuarbeiten, dass aus den Jugendlichen etwas wird, sondern davon zu auszugehen, dass die Jugendlichen bereits etwas sind. Das ist jedenfalls der Anspruch, den wir in der MOJUGA haben.

Damit wollen wir in keiner Weise entwerten, was andere Angebote im Jugendbereich leisten, und schon gar nicht erheben wir den Anspruch, das einzige wirksame Angebot zu sein. Wir verstehen Offene Jugendarbeit als Ergänzung, nicht als Konkurrenzangebot. Aber als unbedingt notwendige, nicht wegzudenkende Ergänzung, die innerhalb ihres Auftrags viel mehr bewirken könnte, wenn uns mehr finanzielle Ressourcen einerseits und mehr Mitarbeitende, die die Arbeit als ihre Berufung betrachten, andererseits zur Verfügung stünden. Wir glauben, dass ein neuer Blick auf die Offene Jugendarbeit den Weg dahin öffnen könnte. Deshalb wünschen uns, dass Menschen aus der Fachwelt, die unsere Überzeugung teilen, zusammenrücken, um gemeinsam über die Gründung eines eigenständigen Berufs nachzudenken.

 

[1] Dachverband Offene Kinder- und Jugendarbeit Schweiz (2018): Offene Kinder- und Jugendarbeit in der Schweiz, GRUNDLAGEN für Entscheidungsträger*innen und Fachpersonen. https://doj.ch/files/DOJ/wissen/Fachpublikationen/DE_Fachpublikationen/Offene%20Kinder-%20und%20Jugendarbeit%20in%20der%20Schweiz_Grundlagen%20f%C3%BCr%20Entscheidungstraeger_innen%20und%20Fachpersonen.pdf  (letzter Stand:14.7.2025).

Jugendliche – eine missverstandene Randgruppe